Sonntag, 23. September 2018

Zuversicht

Sie war immer selbstbewusst, in sich ruhend, gelassen. Eine erfolgreiche Frau. Aber jetzt – jetzt hatte sie Angst. Vor der Operation. Die sollte Klarheit schaffen über ihren Krebs. Wie standen die Chancen? Hatte der Krebs schon gestreut? Angst hatte sie – vor der Operation, vor einer weiteren Diagnose. 

In dieser Situation hatte sie sich an eine alte Tradition erinnert: die Krankensalbung. Das ist eines von den sieben Sakramenten der katholischen Kirche. Zeichen, in denen Gott seine Nähe schenkt. Die Salbung zeigt an: Der Mensch hat Würde, egal was passiert. Gott kennt und liebt jeden einzelnen. Die Krankensalbung ist ein Gebet um Heilung. Aber was Heilung konkret bedeutet, das kann sehr verschieden sein: Gesundheit, Akzeptieren, Loslassen, wie auch immer.

Also haben wir uns getroffen, in der Kirche. Zwei Tage vor der Operation. Haben miteinander gesprochen. So vertrauensvoll, als würden wir uns schon lange kennen. Wir haben gebetet, in der Bibel gelesen. Ich habe ihr die Stirn und die Hände gesalbt, alles sollte von Gott gesegnet sein: Denken und Tun. Zum Abschied habe ich ihr dann ein kleines Kreuz geschenkt. Wir sprachen noch von der Zuversicht. Nicht selber alle Kraft haben, sondern sich von einem Ziel leiten lassen, das hieß für sie und für mich: zuversichtlich sein.

Das kleine Kreuz hat sie nicht mehr aus den Händen gelegt, hatte es sogar in den OP mitgenommen. Die Operation war eigentlich ganz gut verlaufen. Aber dann ist sie einige Wochen später doch an deren Folgen gestorben. Tragisch! Hatte die Krankensalbung also nicht geholfen? Ging es da nicht um Heilung? Mein Eindruck war, für diese Frau war nach unserem Gespräch und diesem Ritual ihre Haltung zu der Krankheit klarer. Denn sie konnte mit ihrer Angst anders umgehen. Und sprach immer wieder von Zuversicht. Dafür steht auch das Kreuz, das sie seitdem bei sich trug. Aber es steht für eine Zuversicht, die über den Tod hinausgeht. 

Ihre Verwandten haben das kleine Kreuz sogar ihrer Asche beigegeben. Es liegt also jetzt in der Urne, inmitten der Asche, tief in der Erde. Mich hat das alles sehr berührt. Wer hält mich fest, wenn ich mein Leben nicht mehr im Griff habe? Wie gehe ich mit meiner eigenen Lebens- und Sterbensangst um? Was bleibt auch dann noch gültig, wenn von mir nicht mehr übrig ist als ein Häufchen Asche?

Ob es Gott ist, der bleibt? Und ich in ihm? Darauf möchte ich vertrauen. Das soll meine Zuversicht sein. (WDR 2+4 am 21.9.2018)

Montag, 11. Juni 2018

Religion von außen und von innen

„Ich bin Agnostiker“, sagte der junge Mann, „aber ich bin an Religionen interessiert.“ Und er wollte mit mir darüber sprechen. Tatsächlich war er voller Fragen. So ging es zunächst um das Thema Naturwissenschaft und Religion. „Die Naturwissenschaften haben doch fast alles erklärt, dafür braucht man keine Religionen mehr“, meinte er. „Das sehe ich anders“, warf ich ein. „Die Naturwissenschaften fragen nach dem Wie der Dinge, die Theologie fragt nach dem Warum. Das sind verschiedene Herangehensweisen.“ Tatsächlich, beide Disziplinen stehen einander nicht im Weg, sie schließen sich nicht gegenseitig aus. Und ich musste an den Physikprofessor denken, der jeden Tag in meiner Gemeinde zum Gottesdienst kommt. Es gibt also auch fromme Naturwissenschaftler.

Der junge Mann hatte sich über viele Religionen informiert. Er wusste ein bisschen von allem. „Ich schaue mir die Religionen von außen an“, meinte er. „Aber mich für eine Religion entscheiden, das kann ich nicht.“ Das konnte ich gut nachvollziehen. Religion und Glaube von außen verstehen, das geht nicht. Wenn ich nur das hätte, wäre ich auch Agnostiker. Von innen erleben aber, das ist etwas ganz anderes. Man kann Gott nicht beweisen, das ist klar; man kann aber auch nicht beweisen, dass es ihn nicht gibt. Da sind die Chancen fifty-fifty. Also ist Glauben eine Sache der Entscheidung. Man muss Vertrauen haben, man muss sich selber loslassen und darauf hoffen, dass man aufgefangen wird.

Am Schluss unseres Gesprächs habe ich den jungen Mann gefragt: „Was würde wohl Ihre Frau denken, wenn Sie ihr sagen, dass Sie sie lediglich interessant finden?“ Mit der Antwort hatte ich gerechnet: „Sie würde mich fragen, ob das schon alles sei. Sie würde mich fragen, ob ich sie noch liebe.“ Genau, das war es! Glauben hat viel mit Liebe zu tun. Da muss ich auch mein ganzes Vertrauen riskieren, mich selber wagen. Da geht es nicht nur um Argumente und nicht um bloßes Interesse. Da geht es um mich selbst, ganz und gar. Existentiell eben. Man kann sich Gott nicht herbeidenken, dann bliebe er ein Gegenstand des Denkens, ein Begriff; dann wären Religionen vergleichbar, dann ist am Ende alles Hokuspokus. Wer sich von Gott geliebt weiß, braucht keine Beweise mehr. Es gibt keine Gottesbeweise wie es keine Liebesbeweise gibt. Aber es gibt Menschen, die lieben. Und es gibt Menschen, die glauben. Beides kann sehr ansteckend sein! (WDR 2+4 am 11.6.2018)

Mittwoch, 6. Juni 2018

Der Original-Kreuzschnabel in Münster!

Am Samstag, dem 7. Juli 2018, lade ich um 18.00 Uhr zu einem besonderen Gottesdienst und Konzert ein: Manfred Siebald, einer der bekanntesten christlichen Liedermacher Deutschlands, wird die Eucharistiefeier mit Liedern gestalten und anschließend ein Konzert geben.

Manfred Siebald versteht es wie kein anderer, die christliche Botschaft mit leisen Tönen und starken Worten auf den Punkt zu bringen. Die Texte des Mainzer Literaturwissenschaftlers gehen vom Lebensalltag aus und bringen, oftmals witzig-ironisch und dann auch wieder nachdenklich, den christlichen Glauben gekonnt und glaubwürdig zur Sprache. Manfred Siebald nimmt das Leben unter die Lupe und findet dabei immer Spuren von Gottes Gegenwart. Dabei spielt er meisterhaft auf verschiedenen akustischen Gitarren kommt durch seine eigene spontane Art der Moderation mit seinen Zuhörern in Kontakt.

Viele der Lieder von Manfred Siebald haben einen festen Platz in Gottesdiensten und Liederbüchern gefunden. Auf mehr als 20 CDs hat der Liedermacher seine musikalischen Beobachtungen in die Herzen vieler Menschen gesungen. 

Siebald ist einer meiner wichtigsten Glaubenszeugen. Er ist ein Meister der Sprache und hat eine beinah unglaubliche Ausstrahlung und Präsenz.

Für das Konzert in Heilig Kreuz wird kein Eintritt erhoben. Spenden sind aber erbeten: Manfred Siebald singt für Gott und sammelt dabei für diakonische und missionarische Einrichtungen in aller Welt. www.siebald.org

Montag, 28. Mai 2018

Erwachsen werden

„Und ich soll die Taufpatin werden“, sagte mir die junge Frau. Sie war mit ihrer Schwester, ihrem Schwager und deren ersten Kind zum Taufgespräch gekommen. „Es gibt aber ein Problem“, fuhr sie fort. „Ich bin aus der Kirche ausgetreten.“ – „Dann können Sie leider nicht Taufpatin werden“, warf ich ein. „Taufpatin sein, das ist ein geistliches Amt. Da geht es um Begleitung im Glauben, um Glaubwürdigkeit.“

„Das ist ja mal wieder typisch Kirche, eng und autoritär“, bekam ich dann zu hören. Mit so etwas hatte ich gerechnet, solche Worte fallen dann nämlich häufig. Wenn den Leuten die Argumente ausgehen, fallen sie in Klischees.

Also habe ich dasselbe Niveau gewählt. Und geantwortet: „Wer nicht im Verein ist, darf nicht mitspielen. So einfach ist das.“ – „O.k., das verstehe ich“, lenkte die etwas gekickte Wunschtaufpatin ein. „Aber können Sie bei mir nicht eine Ausnahme machen? Ich habe da nämlich noch ein anderes Problem. Mein Vater ist sehr gläubig, er darf nicht erfahren, dass ich aus der Kirche ausgetreten bin. Er wäre dann sehr enttäuscht von mir.“

Das war für mich eine Steilvorlage. „Es tut mir leid. Sie können nicht Taufpatin werden. Und zwar nicht deshalb, weil Sie aus der Kirche ausgetreten sind. Sondern allein deshalb, weil Sie nicht erwachsen sind. Wenn Sie Ihrem Vater nicht die Wahrheit sagen können, sind Sie noch nicht erwachsen. Wir können aber nur Erwachsene als Taufpaten zulassen.“ 

Ich gebe zu: Ich kenne die Frau nicht, und es war eine Provokation. Aber immerhin schien mir, dass ich da einen Nerv getroffen hatte: Die nun Nichtmehrtaufpatin schaute nachdenklich. Das Taufgespräch war aber ansonsten gut, wir haben einander verstanden, weil wir freundlich, aber ehrlich miteinander umgegangen sind. Bei der Taufe war dann eine andere Patin anwesend. Die junge Frau kam erst gar nicht, sie hatte ihrem Vater weisgemacht, sie sei krank. Sie konnte ihm also immer noch nicht die Wahrheit sagen und setzte noch eine Lüge obendrauf. Seltsam, finde ich, dass so viele im Kinderglauben stecken bleiben. Und dabei ist das Christentum doch erst für Erwachsene so richtig interessant! (WDR 2+4 am 28.5.2018)

Montag, 14. Mai 2018

Nach dem Katholikentag

Wohin steuert das Kirchenschiff? Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Nicht erst seit dem Katholikentag, der gestern in Münster zu Ende gegangen ist. Sein Motto: „Suche Frieden.“ Es gab unzählige Veranstaltungen, Diskussionen, Gottesdienste und Konzerte. Vom Workshop bis zur Beichte war alles drin. Und alles, was bei Kirchens so kreucht und fleucht, war vertreten, von ziemlich links bis ungefähr rechts, von liberal bis konservativ, von aufgeklärt bis abgeklärt, von der Basis bis zum Bischof.

Ganz ehrlich: Solche Massenveranstaltungen mag ich eigentlich nicht so sehr. In meiner Pfarrkirche Heilig Kreuz war den ganzen Tag Programm, ein Kommen und Gehen. Fast unwirklich, denn so viele Leute sind ansonsten nicht da. Die ganze Zeit habe ich mich gefragt: Was bringt das eigentlich? So ein Katholikentag ist ja auch ziemlich teuer. Außer Spesen nichts gewesen? Wie steht es um die Nachhaltigkeit? Ohne Zweifel für viele ein gutes Gemeinschaftsgefühl. Mehr nicht?

Wohin also steuert das Kirchenschiff? Es gibt in der Geschichte der Menschen drei berühmte Schiffe: die Arche, die Titanic und die Santa Maria. In der Arche sammelt man den heiligen Rest.Sind alle drin, macht man die Türen zuund wartet, bis die Sintflut vorüber ist. Heute wäre das etwa die Sintflut der Gleichgültigkeit, des Individualismus. In diesem Kirchenschiff sitzen manche, die auch auf dem Katholikentag vertreten waren: unkritisch, gefolgstreu, fromm. Manche von ihnen haben jedoch, wie mir scheint, längst dichtgemacht. Keine Reform, keine Zukunft.

Die Titanic war ein Stahlkoloss, der als unsinkbar galt; oben wurde noch gefeiert, während unten schon Wasser eindrang. Als Kirchenschiff wäre die Titanic ein Boot, das bereits untergeht, das kollidiert mit den Spitzen des Eisbergs Postmoderne. In diesem Kirchenschiff sitzen einige, auch auf dem Katholikentag: selbstherrlich, dogmatisch, eitel. Das ist „Kirche von oben“, die eigentlich keiner mehr will. Sie fordern Gehorsam – und haben nur scheinbar alles im Griff. Auf dem sinkenden Schiff.

Ich möchte lieber losfahren mit der Santa Maria! Das war das Schiff des Kolumbus, der eigentlich nach Indien wollte und nebenbei Amerika entdeckte. Es waren drei Schiffe – nicht eins allein. Die Mannschaft war durchschnittlich, die Schiffe waren alt. Keiner wusste so richtig, wohin es ging, aber es gab eine Vision. Und Begeisterung für das Neue. Wenn eine solche Aufbruchsstimmung vom Katholikentag übrigbliebe, das wäre schon was. Jedenfalls mehr als nichts. (WDR 2+4 am 14.5.2018)

Sonntag, 29. April 2018

Frieden und Freiheit

Wenn ich an den Frieden denke, dann habe ich große Sorgen. Denn ich sehe überall, dass der Friede bedroht ist. Und dass die guten Gegenkräfte schwächer werden. Wenn zum Beispiel Religion mit Terrorismus gleichgesetzt wird, dann verlieren alle Religionen an Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Attraktivität. Auch das Christentum.

Warum gewinnen eigentlich so oft die Falschen, gerade in Krisenzeiten? Warum kommen in vielen Ländern faktisch Diktatoren an die Macht? – Ein selten gelesenes Stück Bibel ist die Jotamfabel aus dem Buch der Richter. Nach dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber ist sie „die stärkste antimonarchische Dichtung der Weltliteratur“. Hören Sie mal genau hin:

„Einst machten sich die Bäume auf, um sich einen König zu salben, und sie sagten zum Ölbaum: Sei du unser König! Der Ölbaum sagte zu ihnen: Soll ich mein Fett aufgeben, mit dem man Götter und Menschen ehrt, und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken? Da sagten die Bäume zum Feigenbaum: Komm, sei du unser König! Der Feigenbaum sagte zu ihnen: Soll ich meine Süßigkeit aufgeben und meine guten Früchte und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken? Da sagten die Bäume zum Weinstock: Komm, sei du unser König! Der Weinstock sagte zu ihnen: Soll ich meinen Most aufgeben, der Götter und Menschen erfreut, und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken? Da sagten alle Bäume zum Dornenstrauch: Komm, sei du unser König! Der Dornenstrauch sagte zu den Bäumen: Wollt ihr mich wirklich zu eurem König salben? Kommt, findet Schutz in meinem Schatten! Wenn aber nicht, dann soll vom Dornenstrauch Feuer ausgehen und die Zedern des Libanon fressen.“ (Richter 9,8-15)

Im Alten Orient wurde ein guter König mit einem Fruchtbaum verglichen. Denn wie ein Fruchtbaum, so soll der König Früchte und Schatten spenden, also Leben und Sicherheit. Doch der Ölbaum, der Feigenbaum und der Weinstock wollen nicht König sein; sie wollen nicht „über den anderen schwanken“. Am Ende wird der Dornstrauch zum König gemacht; ausgerechnet er, der weder Früchte hat noch Schatten spenden kann. Ein Nichtsnutz kommt ganz nach oben und verbreitet Schrecken und Gewalt.

Die guten Bäume wollen „nicht über den anderen schwanken“; sie wissen also, dass Politik ein schweres und fruchtloses Geschäft sein kann, voller Kompromisse, langwierig und mühsam. Sie wollen ihr Fett, ihre Süßigkeit und ihren Wein nicht aufgeben. So bleibt nur der Dornstrauch übrig. Und der versteht von Politik überhaupt nichts! Wie heute: Weil so viele ein ruhiges Leben vorziehen, weil noch mehr lieber ihren Mund halten, kommen oft die Falschen an die Macht. 

In zwei Wochen beginnt in Münster der Katholikentag. Das Motto „Suche Frieden“. Wer darunter versteht: Lasst mich in Frieden – der setzt viel aufs Spiel. Wer sich heraushält, wer die Welt sich selbst überlässt, riskiert seine Freiheit. Die Einstellung „Man kann ja doch nichts machen“ ist gefährlich. Ich möchte mich für Frieden und Freiheit einsetzen, da, wo ich lebe. (WDR 2+4 am 30.4.2018)

Samstag, 21. April 2018

Warum ich Priester bin

Warum bin ich Priester? Weil es mein Traumberuf ist! Ich kann nämlich voll und ganz nach meinem Gewissen handeln. Ich darf Menschen auf ihrem Lebensweg begleiten, auf ihrem Glaubensweg. Und das aus meinem eigenen Glauben heraus. Mit dem, was mir wichtig geworden ist. Das gibt mir Sinn und Erfüllung. Trotz allem, was im Moment vielleicht schwierig ist. 

Ich bin 1994 zum Priester geweiht worden. Im nächsten Jahr sind das 25 Jahre, ein Vierteljahrhundert. Mittlerweile hat sich viel geändert in Gesellschaft und Kirche. Aber auch in meinem Verhältnis zu diesem Beruf. Deshalb ist es mir heute viel wichtiger, wer ich bin als Christ. Ich bin ein Christ, der eben auch ein Amt hat. Ich sehe mich mehr als Verkünder einer Botschaft und nicht so sehr als Vertreter einer Institution; ich bin mehr Christ in der Welt als Priester in der Kirche.

Mein Weg

Wie ich Priester geworden bin? Am besten, ich fange mal ganz von vorne an: Ich bin katholisch sozialisiert, das heißt, ich habe meinen Glauben geerbt, habe in Familie und Gemeinde mitgemacht, was andere vorgemacht haben. Christsein durch Geburt und Tradition. Die bewusste Entscheidung für Jesus kam erst viel später. Vorbilder hatte ich so gut wie keine. Die Priester in meiner Heimat wirkten auf mich eher verschroben oder waren voller Machtallüren. Deshalb ärgerte man sich in meinem Elternhaus über den Pfarrer, aber von Gott gesprochen wurde nicht. Mein eigener Zugang zum Glauben war eher die Musik, nicht die Theologie. 

Dennoch habe ich mit dem Theologiestudium begonnen, einfach weil ich Priester werden wollte, Seelsorger. Vor allem war ich von Jesus fasziniert, von seinem Gottvertrauen, seinem Leben und Sterben. Und wie er heute in der Welt erfahren werden kann: im Handeln der Kirche, im Gebet, aber eigentlich auch in jedem Menschen, der die Welt verändern will. Ich wollte Priester werden um Jesu willen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass der mich annimmt und liebt, wie ich bin. 

Das Interesse an Theologie kam erst mit dem Studium. Die Theologie hat meinen Glauben kräftig geläutert, wofür ich sehr dankbar bin. Kindliche Vorstellungen mussten weg, kritisches Denken musste her. Vor allem habe ich gemerkt, dass wir von Gott nur in Bildern sprechen können, und dass nicht alles gleich wichtig ist, was sich so angesammelt hat im Laufe der Kirchengeschichte. Also immer schön locker bleiben, die Theologie hat nicht viel mehr zu bieten als Sprechversuche von einem großen Geheimnis. Von einem Geheimnis aber, das mir in Jesus sehr nahe gekommen ist. Seinetwegen wollte ich Priester werden und möchte es bleiben, solange ich lebe. 

Im Priesterseminar waren wir 37 Erstsemester, ein großer Kurs. Dort, im Collegium Borromäum in Münster, gab es gute Ausbilder; es waren die ersten wirklichen Seelsorger, denen ich begegnen durfte. Ich war dort sehr gerne; manche meiner Freunde sagen, ich hätte das Seminar relativ unbeschadet überstanden, das sei schon viel. Denn tatsächlich ging es dort manchmal ziemlich drunter und drüber. 

Bei der Priesterweihe waren von den 37 Erstsemestern noch 18 übrig. Sechs davon haben mittlerweile ihr Amt aufgegeben und geheiratet. Auch vier meiner priesterlichen Ausbilder sind aus dem Amt geschieden. Das ist sehr schade, denn sie alle waren wirklich gute Seelsorger, kreativ und nahe bei den Menschen. Warum ich dabeigeblieben und noch Priester bin? Ich glaube, es liegt daran, dass ich schnell gelernt habe, nüchtern auf meinen Beruf und die Institution Kirche zu schauen: Ich habe von Anfang an Kontroversthemen angepackt, war kritisch und auf der Suche nach Argumenten. Autoritäten waren mir schon immer suspekt. Ich habe mich an diejenigen gehalten, die nach der Wahrheit suchten, und bin denen aus dem Weg gegangen, die meinten, sie würden die Wahrheit endgültig besitzen. Über die ganze klerikale Eitelkeit konnte ich immer schon ein bisschen lächeln, Gott sei Dank. Mit einer guten Prise Humor ist das eigentlich ganz gut auszuhalten. 

In den ersten Berufsjahren als Kaplan war alles einfach: eine lebendige Gemeinde in Gestalt von sehr aktiven und selbstbewussten Christinnen und Christen. Ich war Everybodys Darling und fühlte mich getragen. Es war eine Akzeptanz, die einen geradezu süchtig machen konnte. Wenn es so geblieben wäre, dann wäre Priestersein ein Traumberuf ohne Wenn und Aber. Gottesdienst und Predigt, Seelsorge und Gespräch erfüllen mich bis heute mit innerer Zufriedenheit. Das alles mache ich sehr gerne.

Doch nach drei Jahren kam die erste Ernüchterung. Da habe ich gemerkt: Wenn du nicht für dich selber sorgst, tut es keiner. Für meinen Arbeitsalltag, für meinen Platz in der Kirche, ja auch für meine Glaubwürdigkeit bin ich ganz allein verantwortlich. Damals schlich sich eine gewisse Resignation in die stärker werdende Routine ein. Ich wurde Jugendseelsorger und dann Rektor einer Akademie. Dort habe ich gute Erfahrungen gemacht, vor allem in der geistlichen Begleitung. Doch immer habe ich gewusst: Als Gemeindepfarrer würde ich am glücklichsten sein. Denn da hat man nicht nur Angebote zu machen, sondern darf das ganze Leben begleiten.

Nach einigen Jahren bot sich eine größere Pfarrstelle an, auf die ich mich spontan beworben habe. Dort war ich schnell zu Hause, es war traumhaft schön. Wenn auch nicht mehr alle zum Gottesdienst kamen, so gab es doch eine große Nähe zu den Menschen. Und mit einem kompetenten Seelsorgeteam ist man niemals allein. Als Pfarrer auf dem Land ist man gut vernetzt und fast überall gerne gesehen. Das macht richtig Spaß: Es gibt Interesse an Inhalten, und mit den Einrichtungen der Pfarrei konnten wir viel Gutes aufbauen. 

Mittendrin kam die Enttäuschung: Traditionsabbruch, Gemeindefusion, Denkverbote. Das macht auch vor einem Landpfarrer nicht halt. Alles in allem scheint mir: Wir sind als Kirche auf der Flucht vor der Postmoderne. Wir ziehen uns zusehends zurück und ich befürchte, wir werden zur frommen Sekte. Statt das Amt für neue Zugangswege zu öffnen, ist ein neuer Klerikalismus entstanden. Die Kirche entfernt sich von den Menschen, ihre Vertreter sind ohne Zweifel fromm und freundlich, aber zum Teil nicht fähig zum Dialog mit der modernen Welt. Unter Papst Franziskus hat sich das Blatt gewendet, aber bisher ist auch hier außer mit Worten nur wenig geschehen, jedenfalls wenig Konkretes.

Thema ohne Ende

Der Zölibat ist ein Thema ohne Ende. Die Diskussion darüber begleitet mich als Priester auf Schritt und Tritt. Für die Gemeinde ist der Zölibat faktisch bedeutungslos, er ist höchstens Anlass für Witze und die penetrante Neugier einiger Kanzelschwalben. Die Gründe für den Zölibat sind theologisch und historisch nicht mehr haltbar. Man kann den Zölibat noch geistlich sehen: als Zeichen der Jesus-Nachfolge oder als Zeichen für die Liebe Gottes, die immer größer ist. Ich halte es für besser, den Zölibat freizustellen. Ich meine: Auch der Priestermangel gehört zu den Zeichen der Zeit, durch die wir Gottes Willen erkennen sollen. Aber es geschieht nichts. Die Kirche wird sehenden Auges fromm vor die Wand gefahren. Ich weiß, das sind harte Worte, aber ich meine, wir sollten dem Ganzen schonungslos ins Auge schauen. 

Wobei: Ich glaube nicht, dass der Zölibat in absehbarer Zeit freigestellt wird. Das liegt nicht nur an der weltkirchlichen Ungleichzeitigkeit. Es liegt auch am völlig überhöhten, sakralisierten Priesterbild. Der Priester ist ja eigentlich nur Verkünder des Wortes und Darsteller Jesu Christi in den sakramentalen Handlungen. Das heißt, er verkündet das Evangelium, steht dem Gottesdienst vor und leitet die Gemeinde. Aber das Priesterbild vieler Katholiken ist immer noch aufgeladen mit archaischen Vorstellungen, es verleiht dem Amtsträger eine Macht, auf die man offenbar nicht verzichten möchte. Obwohl sie völlig unbiblisch ist. Es ist viel Magie im Priesterbild, Klerikalismus eben. Der Missbrauchsskandal hat gezeigt, wie schädlich und schändlich diese Überhöhung des Amtes ist, und was für katastrophale Folgen sie haben kann.

Kirchenreform

(Der nun folgende, kursiv gesetzte Abschnitt wurde am Tag vor der WDR-Aufnahme von Mitarbeitern des Bistums zensiert, womit eine völlig neue Qualität des kirchlichen Umgangs mit der Meinungs- und Pressefreiheit erreicht sein dürfte; ängstlicher Zentralismus ist ein Phänomen, das man momentan in vielen Staaten und Religionsgemeinschaften finden kann.)

Wir brauchen eine Kirchenreform. Darauf hoffen viele, daran arbeiten viele, sie arbeiten sich daran geradezu ab, ohne Erfolg. Auch ich bin kritisch, aber aus Loyalität. Denn es gibt einen großen Vertrauensverlust, ja eine regelrechte Spaltung zwischen Leitung und Basis. Die Kirche hat ein Kommunikationsproblem, sie spricht nicht mehr die Sprache der Menschen und wird deshalb nicht verstanden. Wiederverheiratete Geschiedene und Gleichgeschlechtliche fühlen sich aus der Kirche ausgeschlossen. Große Pfarreien überfordern viele Seelsorger und führen zu Resignation und innerer Kündigung; statt wirklicher Seelsorge geht es nur noch um Dienstleistung an den Rändern des Lebens: Geburt, Heirat und Tod. Und in der Ökumene tut sich so gut wie nichts.

Es mangelt der Kirche an einer Kultur des Dialogs auf Augenhöhe. Angepasstes Verhalten und kindlicher Gehorsam werden belohnt, mündiges Eintreten für Kirchenreformen wird bestraft, oft auf sehr subtile Weise. Das klerikale Priesterbild bedarf einer Korrektur, denn das Recht einer Gemeinde auf Leitung und Gottesdienst ist wichtiger als der Zölibat der Amtsträger. Und schließlich: Die Stellung der Frau in der Kirche muss auch auf das Amt hin neu bedacht werden, sonst wird die Kirche viele engagierte Frauen verlieren. Das heißt: Zugang zu allen Ämtern!

Ich erlebe jedoch, dass sich seit Jahrzehnten nichts bewegt. Daran ändern auch die vielen Laiengremien nichts, denn sie dürfen ja nur beraten, aber nichts entscheiden. Foren und Synoden sind häufig nur Demokratiekompensate, die den Anschein erwecken sollen, die Laien dürften irgendetwas mitbestimmen. Deshalb muss auch das monarchische Bischofsamt überprüft werden. Denn dieses Amt ist so angelegt, dass die Versuchung groß ist, sich wie ein kleiner König aufzuführen. Mehr Demokratie ist vonnöten – auch in der Kirche. 
(Ende des zensierten Abschnitts)

Heute Priester sein

Was ist meine Identität heute? Wer bin ich als Gemeindepfarrer, jetzt, in der Mitte meines Lebens? Vielleicht Konkursverwalter? Manche in meiner Pfarrei sehen mich als Chef, als Dienstgeber vieler Angestellter. Das möchte ich eigentlich nicht sein. In der öffentlichen Wahrnehmung bin ich häufig nur Repräsentant einer Institution, ich gehöre irgendwie zum gesellschaftlichen Leben dazu. Ich selbst aber fühle mich angesprochen von Jesus, ich möchte mit ihm in der Welt leben, ihm in den Menschen begegnen und sie mit ihm bekannt machen. 

Als junger Priester habe ich nach immer neuen Methoden und Aktionen gesucht; jetzt bin ich schon etwas ruhiger geworden und spreche mit ganz einfachen Worten von meinem Glauben. Auch die Kirche ist mir wichtiger geworden, nicht als Institution, sondern als Gemeinschaft. Kirche, das sind für mich die Menschen, die beten, wenn ich es nicht kann, und die glauben, während ich zweifle. Diese Kirche wird kleiner werden und weniger Einfluss haben; sie wird mobiler werden mit weniger Immobilien. Sie wird glaubwürdiger, weil sie weniger Macht haben wird. Sie wird ansprechender sein, weil sie der frommen Worte überdrüssig ist. 

Ich möchte Seelsorger sein in allen Lebenslagen, aber auch Theologe; denn nur der reflektierte Glaube wird zukunftsfähig sein. Ich glaube, dass Gott schon bei den Menschen ist, ich muss ihn da nicht erst hinbringen. Das entlastet. Wichtig ist mir das regelmäßige Gebet, die Meditation. Ich habe das kontemplative Gebet entdeckt, das einfache Gegenwärtigsein. Darin kann ich eine gewisse Ursprünglichkeit meiner Berufung bewahren. Und, ganz besonders wichtig: die Feier der Eucharistie, die heilige Messe also. Daraus lebe ich, davon bin ich beseelt, das möchte ich mit anderen teilen. 

Als Student bin ich oft erstaunt gefragt worden: „Was, du willst Priester werden? Um Gottes willen!“ Und ich habe geantwortet: „Ja, genau deswegen: um Gottes willen!“ Das sehe ich immer noch so, nach fast 25 Jahren. Priestersein bleibt für mich ein Traumberuf: dank, mit und manchmal auch trotz der Kirche. (WDR 5 am 22.4.2018)