Sonntag, 18. Februar 2018

Abgerissen

Abgerissen: Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so berührt. Meine Heimatkirche ist abgerissen worden. Jedenfalls zum großen Teil. Nur der Turm ist stehen geblieben. Und eine kleine Kapelle daneben. Ich verbinde wirklich viel mit dieser Kirche: Ich bin darin getauft worden, zur Erstkommunion und Firmung gegangen. Und unzählige Male zum Gottesdienst. Ich habe darin beten gelernt. Und Orgelspielen. Mit dieser Kirche verbinde ich meinen Glaubensweg, meine Glaubensgeschichte.

Vom Kopf her ist mir klar: Wenn die Kirchen leerer werden, braucht man nicht mehr so viele davon. Es war also eine Abstimmung mit den Füßen: Die Leute sind nicht mehr gekommen. Viel zu große Kirchen, die keiner mehr braucht, stehen eben irgendwann nur noch in der Gegend herum.

Andererseits sind Kirchen auch Symbole. Sie sind steingewordene Zeichen für Sehnsucht, für Transzendenz. Dafür, dass es doch mehr als alles geben muss. Auch wenn sie keiner mehr braucht: Sie haben eine Botschaft. Was wäre wohl passiert, wenn man im Mittelalter alle Kirchen abgerissen hätte, die gerade nicht gebraucht wurden?

Der Abriss meiner Heimat- und Taufkirche hat mir richtig weh getan. Jetzt verstehe ich all diejenigen besser, die in ihrer Kirche ein Stück Heimat gefunden haben. Zuerst war ich sogar richtig wütend. Kirchen abreißen, so etwas kennt man doch nur von Diktatoren und Ideologen, habe ich gedacht. Da sind die Kirchenleitungen nicht besser als die DDR-Parteifunktionäre. Denn die haben ja auch Kirchen abreißen lassen, wenn auch aus ganz anderen Motiven. Die einen hatten keinen Glauben, die anderen aber haben offenbar nur noch wenig Hoffnung.

Zuerst also war ich traurig und wütend. Dann aber habe ich gedacht: Dein Glaube hängt ja nicht an Steinen. Und auch nicht an Erinnerungen. Glauben ist vielmehr eine Herausforderung. Nicht nur Heimatgefühle, sondern Aufbruchsstimmung. Nicht nur Kirchengebäude, sondern Glaubensgemeinschaft. Ich werde also nicht aufhören, Gott zu suchen. Und darauf zu hoffen, dass er mich findet. (WDR 2+4 am 19.2.2018)