Dienstag, 20. Februar 2018

Der Glaube der Träger

„Da brachte man einen Gelähmten zu ihm; er wurde von vier Männern getragen. Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen die Decke durch und ließen den Gelähmten auf seiner Tragbahre durch die Öffnung hinab. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause! Der Mann stand sofort auf, nahm seine Tragbahre und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen.“ (Mk 2,1-12)

Diese Wundergeschichte aus dem Markusevangelium bietet viele Knackpunkte. Denn nur beim ersten Hinhören könnte man meinen, alles sei glatt gelaufen: ein Gelähmter wird von Jesus geheilt. Schön – so war das damals, weiter im Text. Ich mag diese Geschichte, weil in ihr knackig mehr steckt. Auch fürs heutige Leben. Dazu hilft es, sich in die Tiefenschichten der Geschichte noch mal hereinzudenken. Und das fängt bei dem Gelähmt-Sein an.

Ich habe diesen Text schon mal mit jungen Leuten gespielt. Die meisten waren zunächst nicht der Ansicht, gelähmt zu sein; sie hatten ja alles, was sie wollten; sie waren permanent in Bewegung, atemlos vom allerletzten Schrei. Irgendetwas, so sagten sie, fehlte ihnen aber doch; sie wussten nur nicht, was. Also haben sich die Jugendlichen wie gelähmt auf den Boden gelegt. Nach einiger Zeit wussten sie dann, was ihnen fehlte: Jemand, der sie trägt. Sie fühlten sich ohnmächtig, träge, regungslos. Wie der Mann in der Geschichte: „Da brachte man einen Gelähmten zu ihm; er wurde von vier Männern getragen.“

Jesus braucht Menschen, die andere zu ihm tragen. Getragen werden muss jeder, der nicht mehr weiterweiß; aber auch diejenigen, die gar nicht so recht wissen, was ihnen eigentlich fehlt.

Sie merken vielleicht: das Ganze bekommt auf einmal mehr mit Haltungsfragen zu tun, als mit klinischen Befunden. Die den Kranken tragen, zeigen Haltung. Und das prägt ihr Verhalten.

Die Geschichte spricht zuerst vom Glauben der Träger, und dann erst von der Heilung des Gelähmten. Es kommt zunächst auf den Glauben der Träger an, und dann erst auf den Glauben des Getragenen: „Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten...“ – Als Jesus ihren Glauben sah!

Glaube kann viel bewegen – selbst bei denen, die sich selber nicht bewegen können oder wollen. Die vier Träger in der Geschichte haben sich etwas einfallen lassen. Sie lassen den Gelähmten durch die Decke zu Jesus hinab. Das muss man sich bildlich vorstellen: Ein ganzes Dach abdecken, die Balken zerschlagen, damit der Kranke zu Jesus kommt: das zeigt Phantasie, Durchhaltevermögen und ja, Tiefgang. Diese Qualitäten braucht es auch heute für den Glauben.

„Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause.“ – „Steh auf“, das bedeutet: Stell dich auf eigene Füße, bring was auf die Beine, werde dir bewusst, wer du bist. „Steh auf“, das bedeutet: Selbstachtung, Standfestigkeit, Rückgrat. In jedem „Steh auf“ steckt schon der Ostermorgen drin, die Auferstehung. Christen können zu sich selber stehen, weil Gott zu ihnen steht, im Leben und im Tod.
Sie merken: in solchen biblischen Geschichten steckt in einem kleinen Satz, in einem „Steh auf“, ein ganzes Programm. Und so ist das auch bei einer Randnotiz, bei einer Nebenbemerkung von Jesus, die mich an diesem Text fesselt:

„Nimm deine Tragbahre“: Der Gelähmte muss seine Tragbahre selber mit nach Hause nehmen. Warum? Kann er sie nicht einfach liegen lassen, hinter sich, weg damit? Die Tragbahre steht symbolisch für seine Geschichte, seine Lähmungen, seine Schuld – eben für sein ganzes bisheriges Leben. Seine Geschichte gehört zu ihm. Ohne sie, ohne seine Tragbahre kann er überhaupt nicht gehen! Das gibt es in jedem Leben: Dinge, Begebenheiten, Erfahrungen, die weiter angenommen und getragen werden müssen, auch wenn die Heilung schon da ist. Ich fange nie bei null an, ich mache immer nur weiter. Das Misslingen gehört dazu.

Dass Sie sich getragen fühlen und einen guten Stand haben, wünscht Ihnen Pfarrer Stefan Jürgens aus Münster. (WDR 3+5 am 20.2.2018)