Donnerstag, 22. Februar 2018

fünf plus zwei gleich zwölf

„Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät. Schick sie weg, damit sie in die umliegenden Gehöfte und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können. Er erwiderte: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Sollen wir weggehen, für zweihundert Denare Brot kaufen und es ihnen geben, damit sie zu essen haben? Er sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach! Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote und außerdem zwei Fische. Dann befahl er ihnen, den Leuten zu sagen, sie sollten sich in Gruppen ins grüne Gras setzen. Und sie setzten sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig. Darauf nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie sie an die Leute austeilten. Auch die zwei Fische ließ er unter allen verteilen. Und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die Reste der Brote und auch der Fische einsammelten, wurden zwölf Körbe voll. Es waren fünftausend Menschen, die von den Broten gegessen hatten.“ (Mk 6,35-44)

Es gibt nur wenige Geschichten, die im Neuen Testament gleich fünfmal vorkommen. Eine davon ist die von der wunderbaren Brotvermehrung. Sie wird tatsächlich fünfmal erzählt: zweimal bei Markus und dann jeweils einmal bei den anderen drei Evangelisten.

Kaum zu fassen: Aus fünf Broten und zwei Fischen wird ein Abendessen für fünftausend Leute. Das ist nicht vorstellbar. Also muss das Ganze tiefere Bedeutung haben. Würde ich die Geschichte wortwörtlich nehmen, dann müsste ich ja glauben, dass Jesus wie ein Magier im Zirkus auftritt und Essen herbeizaubert. Vor Leuten, die so etwas glauben, habe ich immer ein bisschen Angst. Ich meine: Man kann die Bibel entweder wörtlich nehmen – oder ernst. Es geht nur das eine oder das andere. Wer alles wortwörtlich nimmt, wird über eine magisch-archaische Religiosität nicht hinauskommen.

In den Siebzigerjahren waren soziale Auslegungen modern. Es war ja auch die Hoch-Zeit der Sozialwissenschaften mit Stuhlkreisen ohne Ende. Und mit der Beteuerung, über alles und jedes ein Stück weit betroffen zu sein. In dieser Zeit wurde folgende Auslegung der wunderbaren Brotvermehrung diskutiert: Jesus habe ein total super Gemeinschaftsgefühl ausgelöst. Und dadurch alle motiviert, noch einmal genau in ihre Taschen zu gucken. Ob da nicht doch noch etwas Essbares drin sei, das man miteinander teilen könne. Die Menschen seien davon so betroffen gewesen, dass sie auch noch den letzten Bissen, den sie eigentlich für sich selber zurückhalten wollten, hergeben konnten. Und so seien alle satt geworden. Ein soziales Wunder! Sie merken schon, liebe Hörerinnen und Hörer, dass mir das nicht so gut gefällt. Es ist doch ein bisschen platt.

Viel besser finde ich eine symbolische Auslegung: Da sind fünf Brote und zwei Fische. Und am Ende bleiben zwölf Körbe übrig. Die Evangelien sind nicht für uns geschrieben worden, sondern für Menschen vor zweitausend Jahren. Wenn diese Menschen die Zahlen fünf, zwei und zwölf gehört haben, dann wussten sie genau, was damit gemeint war. Fünf ist nämlich die Zahl der Bücher des Mose. Wenn man so will, sind diese das tägliche Brot der jüdischen Religion. Im Griechischen nennt man sie den Pentateuch, eben die fünf Bücher Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Zwei ist die Zahl der weiteren Schriften des Alten Testaments, also die Schriften der Weisheitsliteratur und der Propheten – das sind quasi die schriftlichen Leckerbissen des Judentums, wenn ich z.B. an die Psalmen denke. Fünf und zwei, das ist die ganze Heilige Schrift des Alten Testaments. Und die Zahl Zwölf steht für das Volk Israel, das ja aus zwölf Stämmen bestanden hat. In Anlehnung daran hat Jesus zwölf Jünger berufen, die man später Apostel genannt hat. Die Zahl Zwölf steht also sowohl für Israel als auch für die Kirche.

Der Sinn ist: Wenn Menschen das Wort Gottes teilen, entsteht Kirche. Wenn sie miteinander die Bibel lesen und danach handeln, bauen sie Gemeinde auf. In meiner Pfarrei gibt es kleine Gruppen, die miteinander das Wort Gottes teilen. Aus ihnen, so hoffe ich, entsteht eine lebendige Gemeinde aus kleinen Gemeinschaften. Mit Jesus als Gastgeber einer mehr als wunderbaren Brot- und Sinnvermehrung.

Menschen, mit denen Sie Ihren Glauben teilen können, wünscht Ihnen Pfarrer Stefan Jürgens aus Münster. (WDR 3+5 am 22.2.2018)