Samstag, 24. Februar 2018

Herr, rette mich

„Gleich darauf forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Das Boot aber wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ (Mt 14,22-33)

Eine sehr menschliche Wundergeschichte ist das, wie ich finde. Auf den ersten Blick sieht man das Wunder vor dem geistigen Auge. Einige sagen dann: Das ist ja mal wieder eine von diesen pompösen Geschichten, typisch für die Sensationslust der Orientalen. Andere werden vorsichtig fragen: „Was ist dran an der Geschichte?“

Ich meine: Das Wunder ist kein Hokuspokus, sondern es unterstreicht: Jesus ist der Sohn Gottes, er ist der Herr. Bibelforscher sagen: Das Seewunder ist ein Vorausblick auf Ostern. Und daher passt die Geschichte in die erste Woche der Fastenzeit, die auf Ostern zuläuft. Die Ostererzählungen laufen nach demselben Schema ab: Zuerst wird der Auferstandene nicht erkannt, dann aber gibt er sich selbst zu erkennen. „Fürchtet euch nicht, ich bin es“, sagt der auferstandene Jesus. – „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht“, so steht es in unserer Geschichte.

Soviel zum Wunder – es bekräftigt Jesus als den Sohn Gottes. Aber es geht ja nicht nur um ihn, sondern auch um Petrus. Und das ist für mich der eigentliche Kern, das ist das Menschliche an dieser Wundergeschichte. Denn wenn in den Evangelien von Petrus die Rede ist, dann ist immer die Kirche gemeint, also eigentlich jeder, der nach Gott fragt und dem Jesus wichtig ist. Es geht also um das Wagnis des Glaubens, um Kleinglauben und Angst; um Gegenwind und Herausforderung.

Nachdem Jesus sich zu erkennen gibt, ist Petrus voller Begeisterung. Mutig sagt er: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme!“ Kommt Ihnen das bekannt vor? Da sitzen Christen im selben Boot und haben Gegenwind. Sie kriegen Angst und versagen jämmerlich. Wie Petrus. Wo ist sein Mut? Wo die Begeisterung des Anfangs? Er schreit: „Herr, rette mich!“ Und Jesus ergreift seine Hand und zieht ihn aus dem Wasser. Diese Geschichte ist so menschlich, weil es um einen Glauben geht, wie er Menschen möglich ist. Es geht um einen menschenmöglichen Glauben.

Glauben heißt für mich nicht, auf dem Wasser gehen zu können. Das ist Jesus vorbehalten, damit zeigt er sich als Sohn Gottes. Mit meinem menschenmöglichen Glauben reicht es meistens nur ein paar ganz kleine Schritte auf Jesus zu. Niemand hat letzte Sicherheit, so dass er auf dem Wasser gehen könnte oder müsste.

Gibt es das überhaupt – einen Glauben ohne Fragen, ohne Zweifel? Hat der einen starken Glauben, der keine Fragen mehr stellt? Gläubige, die überhaupt keine Fragen mehr stellen, nennt man Fundamentalisten. Ich halte mich da lieber an diejenigen, die Fragen stellen, und gehe denen aus dem Weg, die auf alles eine Antwort wissen. Das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens, und der Zweifel ist der Bruder des Glaubens.

Glauben ist nicht, auf dem Wasser gehen zu können. Glaube, das ist der Schrei des Petrus: „Herr, rette mich!“ Nicht meine Leistung hält mich über Wasser, sondern das Eingestehen meiner Schwäche; die Einsicht, dass ich ohne Gott nicht leben kann. Glauben ist nicht, auf dem Wasser gehen zu können. Sondern zu bitten: „Herr, rette mich!“ Ein solches Vertrauen trägt auch Pfarrer Stefan Jürgens aus Münster. (WDR 3+5 am 24.2.2018)