Samstag, 17. März 2018

Der Markenkern

Vor einiger Zeit durfte ich den Pfarreirat einer anderen Pfarrei begleiten. Es ging um die Schwerpunkte der zukünftigen Pastoral. Dabei wurde es auch ganz praktisch. So hatte der Caritas-Ausschuss gerade erst eine Möbelkammer ins Leben gerufen, ein Sozialkaufhaus für Einrichtungsgegenstände. Zum Abholen und Ausliefern der Möbel hatte man bereits einen großen PKW-Anhänger bestellt und viele ehrenamtliche Mitarbeiter gewonnen.

Am Rande der Pfarreiratstagung kam die Frage auf, wie die Plane des PKW-Anhängers bedruckt werden sollte. Man wollte ja schließlich auch etwas Werbung machen für die Pfarrgemeinde und die Caritas-Arbeit. Ich bekam dieses Gespräch mit und meinte spontan: „Schreiben Sie doch darauf: ‚Jesus hatte viele Anhänger‘. Das wäre dann nicht nur eine Werbung für Ihren Verein, sondern für Jesus. Sozusagen der direkte Weg.“

Das fanden die Pfarreiratsmitglieder dann doch etwas fromm. Einige Wochen später traf ich einen der hauptamtlichen Seelsorger. „Na, was steht denn nun auf dem Anhänger?“, wollte ich wissen. „Möbelkammer der katholischen Pfarrgemeinde“ haben wir draufgeschrieben. „Schade“, habe ich gedacht, „schon wieder eine verpasste Chance. Da sollen wir Christen Zeugnis geben für Jesus Christus – und machen doch wieder nur Werbung für unseren Verein.“ – „Jesus hatte viele Anhänger“: Das wäre ein Hingucker gewesen. Und ein echtes Glaubenszeugnis!

Auch das Bistum Münster kümmert sich derzeit um den so genannten Markenkern. Man will die Beziehungsqualität der Pastoral optimieren und bezeichnet dies als Kulturwandel. Schön, dass jetzt auch die Bistumsleitung und der Diözesanrat gemerkt haben, dass Seelsorge ein Beziehungsgeschehen ist. Das war schon immer so, ist jetzt aber deutlich schwerer geworden: Es gibt immer weniger Hauptamtliche, die Gesicht zeigen können, und immer weniger Christen, die Gesicht zeigen wollen. Insofern ist das Postulieren von Beziehungsqualität möglicherweise ein weiterer Papiertiger aus der Kirchenbehörden-Metaebene. Beziehung kann man nämlich nicht verordnen, sie muss wachsen und braucht dazu Vertrauen und Kontinuität.

Dieser Papiertiger schleicht sehr geschickt um das eigentliche Anliegen herum, ohne es freilich direkt auszusprechen: Man will vom spirituell überhöhten, klerikal sakralisierten und männlich zölibatären Priesterbild um keinen Deut abweichen. Dazu dient ganz offensichtlich auch die geplante Leitungsstruktur: Ein Priester leitet eine oder mehrere Pfarreien, Teams von Ehrenamtlichen leiten unter Begleitung weiterer pastoraler Mitarbeiter/innen die Gemeinden dieser Pfarreien. Die eigentliche Frage erscheint nur unsichtbar im Subtext und lautet: Wie verhindern wir, dass professionelle Laien in Leitungsverantwortung kommen? Auf den ersten Blick sieht das Ganze zwar nach Würdigung ehrenamtlichen Engagements aus, das wird gerne gehört und kommt immer gut an. Auf den zweiten Blick jedoch erkennt man einen ehrenamtlich verbrämten Klerikalismus, gönnerhaft kaschiert. Seelsorge braucht nicht nur Kleriker, sondern vor allem Professionalität, auch und gerade in einem Zeugnisgeben für Jesus Christus, das theologisch verantwortet ist. Guter Wille allein reicht jedenfalls nicht. Mit dem Festhalten am traditionellen Priesterbild fährt man angesichts der zu erwartenden Priesterzahlen die Kirche sehenden Auges vor die Wand. „Nach mir die Sintflut“ scheinen resigniert diejenigen zu denken, die das Kirchenschiff eigentlich in die Zukunft lenken sollten.

Schließlich hat man eine Agentur beauftragt, gegen einen sechsstelligen Rechnungsbetrag am Markenkern des Bistums zu arbeiten. Die Agentur berät ansonsten große Konzerne. Ratlosigkeit macht offenbar rastlos. Und auch ein bisschen naiv, weil wirtschaftsgläubig. Denn was ist der Markenkern der Kirche? Beziehungsqualität? Die gehört ganz sicher dazu. Aber zunächst ist da doch wohl Jesus Christus, der Mensch gewordene Gottessohn, der uns Anteil gibt an der Beziehung zu Gott, seinem Vater. Der Markenkern heißt Jesus Christus, der Erlöser und Heiland, von dem alle Christen ihren Namen, ihre Würde und Berufung haben. Ihn verkünden und feiern sie, nach seinem Wort handeln sie. Ich wünsche mir eine Kirche, die Werbung für Jesus macht. Und nicht nur für sich selbst. Denn Jesus hat viele Anhänger – auch heute.