Mittwoch, 4. April 2018

Consulting, Coach & Co.

Unternehmensberater haben Hochkonjunktur. Sie sind die Effizienz- und Sinnstrategen der Betriebswirtschaft. Sie beraten Firmen und Behörden, Profit- und Non-Profit-Unternehmen. Auch die Kirchen gehören zu ihren treuen Kunden. Jetzt hat das Bistum Münster einen Markenentwicklungsprozess angestoßen. Begleitet wird es dabei von einer Agentur, die ansonsten u.a. Borussia Dortmund, Rewe, McDonalds und die Bundeswehr berät.

Auch ich habe von Unternehmensberatern viel gelernt: Beim so genannten Markenkern geht es darum, was eindeutig zum Kerngeschäft gehören soll. Das Leitbild beschreibt die Gesamtausrichtung des Unternehmens, seine Visionen und Ziele. Das Qualitätsmanagement evaluiert, wie sich der Betrieb entwickeln kann. Die Corporate Identity schafft Verbundenheit untereinander und motiviert die Mitarbeitenden. Beim Fundraising geht es um die Aufgabe, Sponsoren zu finden und Finanzquellen zu erschließen. Das Logo macht deutlich, woran man erkannt werden möchte. Und die Bilanz stellt dar, was am Ende übrigbleibt.

Bei Unternehmensberatern kann man aber auch lernen, dass sie von Rhetorik und Manipulation mindestens ebenso viel verstehen wie von Betriebswirtschaft; sie bieten zumeist schnelle, sympathisch formulierte Lösungen an, ohne die Probleme ihrer Kundschaft auch nur annähernd durchdrungen zu haben. Denn letzten Endes wollen sie Geld verdienen. Ein kirchlicher Markenentwicklungsprozess wirkt zwar auf den ersten Blick supermodern, kommt aber einer Selbstsäkularisierung gleich: Christen werden darin zu Kunden, die Kirche wird zu einer Firma, ihre Botschaft zum Produkt und Seelsorge zum Pastoralmanagement.

Ich habe das für die Kirche einmal durchbuchstabiert. Ihr Markenkern ist die Auferstehung Jesu Christi. Denn wenn Christen nicht auferstehen, schreibt der Apostel Paulus, so wäre auch Christus nicht auferstanden und der ganze Glaube wäre sinnlos (vgl. 1 Kor 15). Umfragen haben jedoch ergeben, dass es viele Christen gibt, die zwar an Gott, nicht aber an ihre eigene Auferstehung glauben. Das ist interessant, denn immerhin nennen sie sich nach Christus, der diesen Titel erst seit Ostern trägt. Man sollte sich das ewige Leben nicht als Fortsetzung des zeitlichen vorstellen, sondern als Neuschöpfung. Ostern ist dann mehr eine Auferweckung als eine Auferstehung; wichtiger als die unsterbliche Seele des Menschen ist die schöpferische Liebe Gottes. Ohne Ostern würden wir vielleicht wehmutsvoll das Grab Jesu als das eines außergewöhnlichen Menschen pflegen, mehr aber nicht. Mit Ostern bekommen Jesus und seine Botschaft erst Bedeutung, Zukunft und Sinn.

Am Leitbild arbeiten Firmen, Vereine, Behörden und Institutionen. Auch die Bistümer und Kirchengemeinden schreiben immer neue Pastoralpläne, die bisher jedoch wenig verändert haben und deshalb schnell vergessen waren. Manches Leitbild mit „t“ wurde mit hoher Motivation erstellt und erwies sich dann doch als Leidbild mit „d“. Vielleicht liegt das daran, dass Christen längst ein Leitbild haben, nämlich das Evangelium und als dessen Sinnspitze die Bergpredigt mit dem Gebot der Feindesliebe. Letzten Endes ist Jesus Christus selbst das Leitbild aller Christen, denn beim Glauben geht es nicht vorrangig um Lehren oder Regeln, sondern um eine Person: um Jesus von Nazareth, der in die Nachfolge ruft.

Das Qualitätsmanagement wird oft als notwendiges Übel erlebt. Es ist für die Mitarbeitenden jedoch ein Muss. Man braucht es mindestens alle paar Jahre, um erneut zertifiziert zu werden. So steht der QM-Ordner, oft auch als QM-Bibel bezeichnet, meistens ganz hinten im Regal, sobald er endlich vollständig ist. Er wird dann nur noch kurz vor der nächsten Kontrolle überarbeitet. Offenbar erleiden beide – QM-Handbuch und Bibel – dasselbe Schicksal: Man muss sie haben, aber man schaut nicht gern hinein. Für das Kirchen-QM sind die Bischöfe zuständig, denn Bischof kommt von griechisch episkopos und bedeutet Aufseher, neudeutsch Supervisor. Tatsächlich steht jedoch auch ihr QM-Handbuch seit mindestens vierzig Jahren ganz hinten im Regal, weil kein Qualitätsproblem der Kirche wirklich angegangen worden ist: Priestermangel, Ökumene, Frauenfrage, Wiederverheiratete Geschiedene, Homosexuelle, Kirchensprache, Partizipation. Alles völlig unbearbeitet, die Probleme werden vor sich her geschoben und dem jeweiligen Nachfolger überlassen. Schon die Ansätze kleinster Reformen laufen gegen Blockaden. Stattdessen Skandale, die zwar nicht Grund, aber doch Anlass für viele Kirchenaustritte sind. Und das ängstliche Festhalten an Traditionen, die der eigentlichen Tradition, nämlich der Treue zu Jesus Christus, längst im Weg stehen. Unternehmensberatern vertraut man die Zukunft der Kirche an, kritische Laien und Reformtheologen müssen leider draußen bleiben.

Und die Evaluation? Auch hier Fehlanzeige. Die geistliche Entwicklung ist Berufung aller Christen. Doch die meisten von ihnen sind nur religiös sozialisiert, Jesus gegenüber bleiben sie zeitlebens unentschieden. Für die meisten Christen gab es seit ihrer Erstkommunion keine spirituelle Evaluation, keine Entwicklung vom bloßen religiösen Gefühl zum Glauben hin. Mein Trost: Es ist dafür nie zu spät, man muss aber dranbleiben. Die geistliche Evaluation der Kirche als Gemeinschaft ist nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ins Stocken geraten, selbst Papst Franziskus beißt hier auf Granit, die von ihm gelebte Freiheit prallt an Betonköpfen ab. Der christliche Freimut ist ängstlichem Kleinmut gewichen.

Die Corporate Identity ist das, was die Mitarbeitenden eines Betriebs verbinden und dadurch motivieren soll. Corporation bedeutet Körperschaft. Die Kirche ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Und noch mehr: Sie ist der Leib Christi – Corpus Christi. Leib Christi ist eine Bezeichnung sowohl für die Kirche als auch für die heilige Eucharistie. Wie steht es mit der Corporate Identity der Christen, mit ihrer Verbindlichkeit und Motivation? Als getaufter Christ nicht regelmäßig an der heiligen Eucharistie teilzunehmen, würden Unternehmensberater wohl als absolutes „No-Go“ bezeichnen. Andererseits wäre es ein Zeichen der Verlässlichkeit der Bischöfe, wenn sie sicherstellten, dass jede Gemeinde die heilige Eucharistie auch qualitätsvoll und sinnstiftend feiern kann.

Beim Fundraising werden die meisten deutschen Katholiken mit dem Kopf schütteln und sagen: Wir haben doch die Kirchensteuer. Es geht aber nicht nur darum, Geld locker zu machen, sondern neue Christen zu gewinnen. Glauben ist keine Privatsache. Wer den Glauben mit sich allein ausmacht, macht am Ende auch allein den Glauben aus. Hätten die Apostel ihren Glauben als Privatsache angesehen, wüssten wir nichts von Jesus. Wo sind die Auferstehungszeugen heute?

Ein Logo hat heute jeder: Firmen, Behörden, Einrichtungen und Privatpersonen. Auch das Bistum Münster sucht nach einem neuen Logo, damit auf allem, was bei uns Kirche ist, auch Kirche draufsteht. Die Frage ist nur, ob alle, die auf der Gehaltsliste eines Bistums stehen, auch Kirche sein wollen. Christen haben bereits ein Logo, das sich bewährt hat und angesichts der ausufernden neoliberalen Leistungsgesellschaft ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal darstellt: das Kreuz. Es kam von jeher nicht gut an, es war von Anfang an den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit (vgl. 1 Kor 1,23). Das bedeutet: Die Frommen und die Schlauen verstehen das Kreuz nicht. Gott ist eben anders, als wir ihn uns denken können. Am Kreuz offenbart er seine wehrlose Liebe. Unser Logo sagt, dass Gott uns leiden kann. Bunte Bildchen sind deshalb als Kirchen-Logo weniger geeignet.

Schließlich die Bilanz – was am Ende übrigbleibt. Ich bin davon überzeugt: alles, mehr als alles, eine ganze unermessliche Ewigkeit! Gott speist uns nicht mit dem ab, was wir selbst erarbeitet haben. Dann wäre er wirklich nur ein Betriebswirt oder gar ein Buchhalter, der auszahlt, was wir bei ihm eingezahlt haben; dann wäre unser Leben bloß eine Firma mit Konkurrenz und Erfolgszwang. Gott schenkt Erlösung. Er liebt uns, weil es uns gibt, und nicht erst, wenn wir gut sind. Er liebt uns vor jeder Leistung und nach aller Schuld. Und so nimmt er uns an und macht uns ewig. Es geht am Ende gut aus, es geht um Vollendung.

Deshalb meine Kritik an der naiven Wirtschaftsgläubigkeit der Kirchen, an dieser rhetorischen Überrumpelung durch Agenturen, von denen wir gar nicht wissen können, wes Geistes Kind sie wirklich sind. So zeigt die ulkige Evonik-Werbung auf der Rückseite der Printausgabe des Katholikentagsprogramms, wie wenig die Marketingexperten der Wirtschaft die Kirche und wie wenig die für solche Werbung verantwortlichen hauptberuflichen Gehaltslistenchristen sich selber ernst nehmen: Evonik will Jesus eine Stelle anbieten, weil er Wasser in Wein verwandeln kann; das finde ich gar nicht lustig, es ist die Stammtisch-Blasphemie eines arroganten Weltkonzerns.

Sicher muss man auch die Kirche klug leiten, sie darf nicht ohne Ressourcen dastehen. Aber ein profitables Unternehmen ist sie nicht, das widerspräche der grenzenlosen Liebe Gottes. Die Kirche ist die Gemeinschaft des Auferstandenen, sie ist Corpus Christi. Deshalb müssen wir sie anders denken, vom Kreuz und von Ostern her, von ihrer Kernbotschaft her. Mir scheint, dass der Neoliberalismus auch die Kirchenleitungen samt ihrer ehrenamtlichen Demokratiekompensate schon so dermaßen eingenommen hat, dass vieles nur noch durch die betriebswirtschaftliche Brille gesehen wird.

Die Kirche braucht keine Agenturen, denn der eigentliche Agent des Auferstandenen ist der Heilige Geist, der in allen Getauften lebendig ist. Das lateinische Wort agere bedeutet bewegen, treiben. Der Beweger und Antreiber der Kirche ist die göttliche Geistkraft, die wir endlich hereinlassen müssen. Der Heilige Geist ist kein Funktionär der Kirche, sondern die Kirche ist eine Funktion des Heiligen Geistes. Und der ist wirklich ein erstklassiger Coach! Denn er sorgt vehement dafür, dass nicht einfach alles beim Alten bleibt. Wenn man ihn lässt.

Der Markenkern also ist die Auferstehung, das Leitbild das Evangelium, die Evaluation unser aller Berufung. Die Corporate Identity ist in der Taufe begründet und verwirklicht sich in der heiligen Eucharistie, das Fundraising ist unser Glaubenszeugnis, das Logo ist das Kreuz. Die Bilanz schließlich steht schon fest: Erlösung und Ewigkeit.

Für mich bedeutet Ostern: Mein Leben kann nicht mehr scheitern, denn ich habe nichts zu verlieren. Ich muss nicht alles herausholen, was womöglich drinsteckt. Ich bin gelassen im Vorletzten, weil ich geborgen bin im Letzten. Die Auferstehung macht mir Mut, mit Rückgrat und Courage Christ zu sein.