Sonntag, 22. September 2019

Ambivalent

Schrifttexte: Am 8,4-7 – Lk 16,1-13 (25. Sonntag C)

Eine seltsame Geschichte! Ein reicher Mann hat einen Verwalter. Doch der ist ein Schuft. Er veruntreut das Vermögen seines Herrn. Deshalb wird er von seinem Chef rausgeschmissen. Was soll er nun machen? Da fällt ihm etwas ein: Er könnte Schulden erlassen. Auf den letzten Drücker sozusagen. Damit würde er sich bei den Schuldnern beliebt machen. Und seine eigene Zukunft sichern. Der Verwalter macht also das Beste aus seiner Situation. Er schmeichelt sich bei den Leuten ein. Bei den Leuten, denen er vorher das Geld abzuknöpfen hatte. Die sollen ihm jetzt nämlich weiterhelfen. Dafür setzt er seiner Unehrlichkeit noch einen drauf. Und fälscht die Schuldscheine.

Eine seltsame Geschichte! Jesus lobt den Verwalter, obwohl er doch ein Schuft ist. Warum? Weil er den Tag der Abrechnung kommen sieht und das Beste draus macht. Irgendwo muss er ja hin. Zu seinem Herrn kann er nicht zurück, der hat ihm gekündigt. Also zu den Schuldnern seines Herrn. Denn die haben etwas gemeinsam mit dem Verwalter: Sie haben eine Schuld zu begleichen – und können es nicht. 

Jesus lobt nicht die Mogelei des Verwalters, ganz sicher nicht! Sondern sein Zeitgefühl. Der Verwalter ist zwar nicht ehrlich, aber er weiß, was die Stunde geschlagen hat. In letzter Minute rechnet er mit seinem Herrn. Auch wir sollen unser Leben vom Ende her sehen. Nicht erst in letzter Minute, sondern in der Gegenwart. Denn auch wir sind nur Verwalter. Wir dürfen unser Leben zwar in aller Freiheit gestalten – aber es gehört Gott. Es ist sein Geschenk, es ist Gabe und Aufgabe. Es genügt nicht, zu wissen, was man will. Man sollte auch wollen können, was man soll. Und es dann auch tun!

Der Evangelist Lukas warnt wie kein anderer vor dem Reichtum. Denn solange es Armut gibt, sind wir schlechte Verwalter dieser Welt: „Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ Wer Mammon dient, ist ein Schuft. Aber ein Schuft mit Zukunft, immerhin. Jede Minute zählt, nicht erst die letzte.

Ähnliche Gedanken gibt es in der Lesung. Der Prophet Amos lebte im achten Jahrhundert vor Christus. Er ist der älteste Schriftprophet. Amos prangert die sozialen Missstände an. Die Reichen beuten die Armen aus. Sie häufen Getreide an, während andere hungern. Sie fälschen Maße und Gewichte, um noch mehr Gewinn rauszuholen. Der zu Unrecht eingeheimste Reichtum macht die Armen zu Sklaven; um nicht zu verhungern, müssen sie sich verkaufen, verdingen: Aus Menschen wird Besitz, Gottes Ebenbild wird zum Gegenstand. 

Amos ist damit der erste Kritiker des Neoliberalismus! Denn Gott fordert Gerechtigkeit, Menschlichkeit. Ohne Gerechtigkeit will Gott auch unsere Gebete nicht mehr hören. An anderer Stelle lässt Amos Gott sagen: „Ich hasse eure Feste, eure Gebete stinken zum Himmel. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Was wir beten, das muss zu uns passen. Wir sind eingeladen, zu sein, was wir beten, und zu tun, was wir sind. 

Heute ist Caritas-Sonntag. Caritas bedeutet Nächstenliebe. Gemeint ist nicht nur die organisierte Nächstenliebe im Caritas-Verband. Auch nicht nur die Gemeinde-Caritas. Denn Caritas meint immer die Hinwendung von Mensch zu Mensch. Diese Hinwendung ist Gottesdienst. Wer dient, wer teilt, wer Leben möglich macht, der gibt eine persönliche Antwort auf die Frage: Wo ist Gott? Denn diese Frage kann man wohl nur praktisch beantworten, nicht theoretisch. Gerechtigkeit und Gottesdienst, Menschlichkeit und Glaube: Das gehört zusammen. Wer beides zusammenbringt, ist ein guter Verwalter. Er dient nicht Mammon, sondern Gott. Er weiß, was die Stunde geschlagen hat – und das nicht erst in letzter Minute. 

Der ungerechte Verwalter ist zutiefst ambivalent. Ambivalent – von „ambo“, „beide“, und „valere“, „gelten“. Ambivalent meint also mehrdeutig, doppeldeutig, zerrissen, widersprüchlich. Der ungerechte Verwalter ist widersprüchlich. Jesus lobt nicht seine Mogelei, sondern sein Zeitgefühl. Der Verwalter ist ein Schuft; aber einer, der in letzter Minute weiß, wo noch etwas zu retten ist. Immerhin.

Liebe Gemeinde!

Auch meine Situation ist im Moment ambivalent. In den letzten Wochen habe ich manches gesagt und einiges geschrieben. Noch mehr ist geschrieben und erzählt worden, was ich angeblich gesagt haben soll. Ich wollte offen und ehrlich sein. Einige haben mir Mut dazu gemacht. Andere habe ich damit wohl sehr verletzt. Das wollte ich nicht. Die letzten Wochen waren ambivalent. 

Ich wollte ehrlich sein, aber wollte aber niemandem wehtun. Deshalb bitte ich Sie und Euch an dieser Stelle um Vergebung. Ich habe daraus viel gelernt. Ich wollte eine Diskussion anregen, aber irgendwann war jedes Wort zu viel. Es ist also schiefgelaufen. Keine Diskussion, stattdessen Enttäuschung. Das tut mir wirklich sehr leid. Auch in dieser Situation – hier und jetzt – könnte jedes Wort zu viel sein!

Tatsächlich habe ich in Heilig Kreuz viel gelernt: drei Jahre, die ich nicht missen möchte. Mit manchen war ich gut im Gespräch, mit einigen auch im Gebet. In der Seelsorge ist mir das ganz sicher besser gelungen als in der Verwaltung. Für die Verwaltung gilt vielleicht das Wort aus dem heutigen Evangelium: „Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.“ Bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen konnte ich Seelsorger sein, auch als geistlicher Begleiter bei Sorgen und Problemen. Als Theologe, als Prediger. Für all das bin ich dankbar, es wird mit mir durchs Leben gehen.

Jeder hat seine Grenzen. „Sei dankbar für geglückte Halbheit“, sagt Fulbert Steffensky. „Geglückte Halbheit“, so meint er, das ist schon viel, mehr geht nicht. Und: „Das Misslingen ist unsere Schwester, und nicht unser Todfeind.“ Es muss nicht alles gelingen, alles darf vorläufig bleiben, krumm und schief. Immerhin erwarten wir Jesus, der alles neu macht: Auferstehung durch den Tod hindurch. Was für eine Hoffnung!

Ein großer Dank gilt Ihnen und Euch allen: dem Seelsorgeteam, dem Pfarrbüro, der grandiosen Kirchenmusik, den Küstern und Hausmeistern, den Erzieherinnen, den Messdienern und liturgischen Diensten, den Gremien. Den Frauen von „Maria 2.0“. Und vor allem Ihnen, liebe Gemeinde! Besonders bedanken möchte ich mich bei den treuen Betern. Bei denen, die Interesse am Glauben haben und mit mir darüber sprechen wollten. Und nicht zuletzt bei denen, die mir zur Seite gestanden sind, die auch mir zugehört haben.

Liebe Schwestern und Brüder!

Unser Leben bleibt Gabe und Aufgabe. Hier und jetzt sollen wir Christen sein, nicht erst in letzter Minute. Gott ist nicht ambivalent, sondern eindeutig. Gott sei Dank!

Sonntag, 15. September 2019

Ausgeheuchelt! So geht es aufwärts mit der Kirche (Herder)

Warum dieses Buch? (Vorwort)

Eigentlich sollte dieses Buch anders heißen: „Luft nach oben“. Der Titel sollte Mut machend mehrdeutig sein. „Luft nach oben“ – hier geht der Blick in Richtung Himmel, zu Gott, dem geheimnisvollen Grund und Ziel allen Lebens. „Luft nach oben“ sagt aber auch, dass da noch etwas möglich ist. Es mag in der Kirche „fünf nach zwölf“ sein, aber das kann Gott nicht daran hindern, die Geschichte mit den Menschen fortzuschreiben, in und außerhalb der Kirche. Ich möchte meinen Blick „nach oben“ richten, Luft holen und dabei zeigen, dass es auch „mit der Kirche aufwärts gehen“ kann, wenn sie ihre Chancen heute wahrnimmt. Das bedeutet vor allem, dass sie den Blick auf die Menschen nicht verliert. 

Jetzt lautet der Titel: Ausgeheuchelt! Weil der Wind des Wandels weht. Es ist Druck im Kirchenkessel. Die Basis will Reformen, die Leitung spiritualisiert. Ich meine jedoch: Man darf die Kirchen- und die Glaubenskrise nicht gegeneinander ausspielen. Das wird wichtig sein für den Synodalen Weg, für die Amazonas-Synode, für die vielen Reformbewegungen und ihre hierarchiegehorsamen Alles-soll-beim-Alten-bleiben-Gegengruppen. Es hat sich ausgeheuchelt, die Kirche muss in der Realität ankommen und sich um ihrer Glaubwürdigkeit willen grundlegend erneuern. Sie muss von den modernen Demokratien lernen und synodal werden, sich auf die modernen Wissenschaften einlassen und die Erkenntnisse der Theologie endlich ernst nehmen. Das ängstliche Verharren im Klerikalismus des 19. Jahrhunderts ist mit viel Heuchelei erkauft worden. Damit muss endlich Schluss sein.

Ich ordne meine Gedanken biographisch an, weil mir in jeder Phase meines Christ- und Priesterseins Erfahrungen und Erkenntnisse geschenkt worden sind, in denen ich neue Chancen für die Kirche sehe. Dies ist also ein persönliches Buch, ein seelsorglich motiviertes Buch, dessen Gedanken durchs Leben gegangen sind. Theologie ist Biografie. Und weil es auch ein sehr kritisches und ehrliches Buch ist, mit dem ich mich kirchenpolitisch durchaus auf Glatteis begebe, stelle ich sehr bewusst meine eigene Interpretation des Glaubensbekenntnisses an den Schluss. Ich bin kritisch, aber loyal.

Priestersein ist mein Traumjob. Und noch mehr: meine Berufung! Ich habe darin mein Lebensglück gefunden. Ich möchte nichts anderes sein oder tun als das, was ich jetzt bin und tun darf. Das bedeutet: Ich begreife mich mehr als Verkünder einer Botschaft und Begleiter von Menschen denn als Vertreter einer Institution. Deshalb war ich auch von Anfang an kritisch: Allein die archaisch-magische Sakralisierung des Amtes und den daraus resultierenden klerikalen Umgang mit Macht habe ich schon immer für die Ursünde der katholischen Kirche gehalten. Wer mich kennt oder von mir gelesen hat, der weiß, dass ich diese Meinung nie verhehlt und auch offen ausgesprochen habe. Jetzt bin ich in der Mitte des Lebens; ich bin einundfünfzig Jahre alt, wurde vor etwas mehr als fünfzig Jahren getauft und bin fünfundzwanzig Jahre im Dienst als Priester. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wer sich an Gott bindet, wird unabhängig von allem anderen. Wer sich an Jesus orientiert, gewinnt eine ganz tiefe innere Freiheit. Deshalb wage ich in diesem Buch manche Provokation, nicht um anzuklagen oder zu zerstören, sondern mitzuhelfen eine Kirche um- und aufzubauen, der ich mein Leben gewidmet habe und die ich trotz all ihrer Fehler immer noch lieben kann. Papst Franziskus lädt zu mehr Freimut ein, diese Einladung habe ich angenommen, offen und offensiv. Mancher wird beim Lesen denken: „Das mag ja alles stimmen, aber muss man das so ehrlich sagen, gerade als Mann der Kirche?“ Das habe ich mich auch gefragt, mich aber dann dafür entschieden, das Schweigen zu brechen – um Gottes und seiner Kirche willen. Manches habe ich tatsächlich sehr drastisch formuliert, aber nicht aus persönlicher Frustration oder gar Groll, sondern aus Liebe zur Kirche. Die Lage ist zu ernst für verschwurbelte Sonntagsreden, es wird Zeit für einen klaren und klärenden Blick. Ungeheuchelt!

Was ich mit diesem Buch vor allem erreichen will: Ich möchte meinen Mitchristen Mut machen, in der Kirche zu bleiben. Und ich möchte meine Kolleginnen und Kollegen in der Seelsorge dazu auffordern, der Resignation zu widerstehen und weiterhin selbstverantwortet Kirche mitzugestalten. Sie sind nicht nur die Totengräber der Volkskirche, ihre Arbeit ist mehr als Palliativpastoral. Meine Erfahrung zeigt: Die Kirche ist nach wie vor gesellschaftsrelevant, und auch die Gemeinde vor Ort ist als soziale Größe nicht ausgestorben. Die Feier der Eucharistie ist nach wie vor an vielen Orten und für viele Menschen Quelle und Gipfel ihres geistlichen Lebens. In der Katechese mag man von fortlaufendem Erfolg sprechen, denn nach der Erstkommunion oder Firmung laufen die meisten tatsächlich fort und kommen vorerst nicht wieder; ich erlebe jedoch, dass die Sehnsucht nach Gott ungebrochen ist. Und mit der Caritas kann die Kirche auch Menschen außerhalb einer Kerngemeinde erreichen. Schließlich ist da noch das weite Feld der Kasualienpastoral – Taufe, Trauung, Beerdigung: Die Sinnsuche aufzugreifen, die hier verborgen liegt, ist eine hochprofessionelle Aufgabe und wirksame Verkündigung.

Trotz all dieser Chancen und Bedeutungen muss man diagnostizieren: Die gut organisierte katholische Kirche in Deutschland ist auf dem Weg in eine gut organisierte Bedeutungslosigkeit. Die Kirche ist weltfremd geworden – und die Welt kirchenfremd. Oftmals steht die Kirche dem Evangelium geradezu im Weg. Und dabei fordert der Glaubenssinn des Volkes Gottes längst Reformen. Neue Zugangswege zum Amt, selbstverständlich auch für Frauen, sowie die Freistellung des Zölibats: Beides sind Dauerthemen und mittlerweile Ausdruck einer langen und lähmenden kollektiven Sexualneurose der katholischen Kirche mitsamt ihrer institutionellen Heuchelei. Ernstnehmen anderer Lebensmodelle und Biografien, Partizipation und Förderung des Engagements der Laien auf Augenhöhe, Ökumene und interreligiöser Dialog, die über symbolisches Händeschütteln hinausgehen: All das sind Reformen, die Kirche endlich ernsthaft angehen muss, will sie nicht in jener gut organisierten Bedeutungslosigkeit enden.

Trotz dieser Probleme und Anfragen bin und bleibe ich ein glücklicher Christ und Priester, denn ich kann voll und ganz nach meinem Gewissen handeln und im Rahmen der Kirche das sagen und tun, was ich für richtig und wichtig halte. Priestersein ist mein Traumjob, weil ich den Menschen nahe sein und alle Situationen ihres Lebens begleiten darf. Das Vertrauen, das einem dabei immer noch entgegengebracht wird, ist fantastisch, eine riesengroße Chance. Christsein ist eine Berufung, weil ich Jesus liebe und mich von ihm vorbehaltlos geliebt weiß, vor aller Leistung und nach aller Schuld. Für ihn und seine Botschaft lohnt sich jeder Einsatz, denn sie ist nach wie vor das Beste, was Gott und Welt zu bieten haben. Ich bin trotz allem im Großen und Ganzen zufrieden. Wenn ich auch meine: Die Welt braucht weniger Kirche und mehr Jesus. Gott ist größer als die Kirche, er ist längst bei den Menschen, wir müssen ihn da nicht erst hinbringen. Nicht nur die Kirche hat eine Mission, sondern Gottes Mission hat – auch – eine Kirche. 

Ich bin 1994 zum Priester geweiht worden, aber das ist mir mittlerweile gar nicht mehr so wichtig; ich begreife ich mich innerlich gar nicht so sehr als Priester in der Kirche, sondern viel eher als Christ in der Welt. Wenn ich das wirklich ernst nehme, ist alles getan, was ich tun kann. Gerne nenne ich mich selber einen Spielmann Gottes, denn da steckt Musik drin, Gottvertrauen – und eine geballte Portion Humor, die man dringend braucht, wenn man hauptberuflich bei der Kirche beschäftigt ist. Musik und Humor sind für mich Quellen für Resilienz, das heißt für die Fähigkeit, durch Krisen zu wachsen, darin Haltung zu bewahren und sogar an persönlicher Reife zu gewinnen. Ich glaube Jesus seinen Gott, und zwar dank, mit und trotz der Kirche.